Für Reisende und Leute die in der Ferne leben besteht eine große Gefahr. Eigentlich besteht die auch zuhause fällt mir auf. Und überall. In Beziehungen, im Job, (naja, nicht dass ich in letzterem schon Erfahrungen hätte sammeln können ich altkluges Insekt) und sowieso – ihr wisst schon was ich meine? Ich rede von der Gefahr, Dinge als selbstverständlich zu nehmen! Normal finden. Alltag.Es gibt vieles, das mich hier auf den ersten Blick verwirrt und befremdet hat. Ich bin mit großen Augen durch die Stadt gestiefelt, habe über die Bürgersteige geschmunzelt, die Straßenkatzen (ja, richtig, nicht Hunde) geärgert, mich vom brausen und lärmen des wilden Verkehrs tragen lassen und jetzt? Jetzt kostet es mich langes Nachdenken um all diesen Zauber wieder zurück zu rufen. Bevor ich es ganz vergesse, bringe ich es mal zu Papier. Beziehungsweise zu Bildschirm.
Eine kleine Sammlung also; nichts Großes, nichts Weltbewegendes.
Subte – Es ist angeblich die zweitälteste U-Bahn nach der London-Underground… wer weiß. Aber sicherlich wenigstens die älteste der ‘neuen’ Welt. Und auf jeden Fall ist sie von den Engländern gebaut worden. Das ist auch kaum zu leugnen, obwohl in den Waggons teilweise Plaquetten mit ‘AEG’ und ‘Simens’ zu finden sind und die Haltestellen mit Wandmalereien verziert sind, die spanische Sehenswürdigkeiten zeigen. Warum trotzdem Englisch? Weil die Züge auf dem linken Gleis fahren!! Gibts was absurderes? Autos rechts, Züge links? Die armen Lokführer, die abends mit dem Auto nach Hause fahren müssen. Denen will ich auf ner leeren Straße nicht entgegen kommen.
Findet Ihr nicht skurril? Meine Mitbewohner auch nicht. Schade. Ich schon.
Bürgersteigkacheln – Das ist wirklich lächerlich, aber die Bürgersteige sind hier aus diesen komischen Kacheln, die widerum mit kleineren Kacheln gemustert sind… ich weiss mir nicht zu helfen aber sie verwundern mich. Ich kenne sie schon aus Costa Rica, aber in Europa ist mir sowas noch nicht übern Weg gelaufen. Warum nicht einfach Steine nehmen?
Schlange stehen – Man mag ja behaupten die Latinos seien heißblütig und chaotisch. Und wir Deutschen seien verregelt und ordentlich. Mal abgesehen davon dass ich dann schonmal sowieso keine Deutsche bin (was meine Profs hier sogar leider auch schon festgestellt haben) ist das im Zusammenhang mit öffentlichen Verkehrsmitteln auch nicht haltbar. Denn der gemeine Argentinier steht geduldig und ordentlich Schlange. Und zwar an Orten, an denen unsereiner nicht im Traum dran denken würde: An der Bushaltestelle (dagegen sind sogar die Schlangen in England ein Chaos), sogar vor noch verschlossenen Zugtüren entstehen ganz entzückende gradlinige Schlangen!
Gut – leider muss ich jetzt los, aber damit ichs nicht vergesse und Ihr schonmal Eure Phantasie spielen lassen könnt, ein paar weitere Überschriften…
Männerverhalten – Begrüßungsküsse, Feuerzeug
Ampel- diese Freunde des Verkehrs stehen in diesem Land auf der anderen Straßenseite. Ich kann mir nicht helfen aber das macht mich nervös. Irgendwie macht das das Straßenbild unordentlich. Oder vielmehr, noch unordentlicher als es eh schon ist. Wisst ihr was ich meine mit „andere Seite“? Achtet mal drauf: in Deutschland ist auf einer Kreuzung „meine“ Ampel doch direkt vor mir, noch auf meiner Seite. Hier, ist sie auf der anderen Seite der Kreuzung…. lächerlich , ich weiss, aber es fällt auf.
Rechnungsdauer
Kassierinnen / Geduld / Plastiktüten
Tüten-shopping- die Größen, aufwendigen Gestaltungen und Materialen der hiesigen Einkaufstüten zwingen dir die Vermutung auf, dass man hier nicht wirklich Kleidung einkaufen geht um was neues im Kleiderschrank zu haben sondern um mit besonders wundervollen Tüten (die schreien „schaut her, ich war shoppen“) den ganzen Tag durchs Zentrum zu flanieren. Im ernst, die können einiges, diese Tüten! Gerne aus Stoff, oder Pappe mit Pailletten verziert, gerne mit enormen Hänkeln, aus Holz oder sonstwas — ja! Ich rede von Einkaufstüten!
Respektverständnis vor Profs – die Profs werden (jedenfalls an meiner Uni) hier alle hemmungslos geduzt, und weil das mit dem Namen ja auch eher kompliziert ist, blökt man ihm am besten einfach „Profe“entgegen.
Da Handys sowieso der König sind (alleine schon im Design: hier sind auf jeden Fall edlere Handys unterwegs als das was der Durchschnittsdeutsche so an sein Ohr hält), wird ihm natürlich auch im Unterricht der Vortritt gegeben: klingelts, geht man wenigstens raus zum Telefonieren. Wär ja auch respektlos schon im „Klassenraum“ dran zu gehen! (Ausmachen? Was ist das denn?)
Toilettenregeln – Ich dachte eigentlich immer, dass ich ein ganz entzückend gut erzogenes Geschöpf bin. Gestern musste ich erfahren, dass ich diesen Eindruck hier nicht hinterlassen habe. Warum? Weil ich meinen Harndrang nicht mit dem ganzen Essenstisch teilen wollte. Welch ein Fehler! Hihi, nagut, auf Deutsch: Grundsätzlich ist die Erziehung wohl schon gleich, immerhin bin ich ja in europäischem Dunstkreis, aber Kleinigkeiten eben doch nicht. So hat mir ein Freund gestern erzählt, dass ihm (und seinen Eltern…!) aufgefallen ist, dass ich nie frage, wenn ich bei Ihnen zuhause auf Toilette gehe. Das ist wohl respektlos… gut zu wissen. Trotzdem finde ich das irgendwie eher unangenehm jedes Mal die gesamte Gemeinde darauf hinzuweisen, dass ich mich jetzt gerne erleichtern würde und dafür um Erlaubnis bitten müsste?
Haarlänge – Der wilde Latino mit seiner noch wilderen Mähne – das Stereotyp kann ich eigentlich nicht bestätigen. OK; stimmt schon, dass hier verdammt viele mit dieser charmanten Mischung aus Vokuhila und Iro rumlaufen, allerdings in einer deutlich längeren Version als die Italo-Fussballspieler an die Ihr jetzt denkt…
Nagut, die Mädchen jedenfalls (und das ist mir besonders aufgefallen, da meine eigene Haarpracht bei Ankunft hier ja nur Zentimeter maß) scheinen viel Wert auf die gepflegte Mähne zu legen. Frauen, deren Haare nicht mindestens die Schulterblätter bedecken kann ich ernsthaft an einer Hand abzählen! Nagut, muss man Ihnen lassen, sie pflegen eben ihre Weiblichkeit in jeglicher Hinsicht – und Argentinierinnen sind wirklich verdammt hübsch. Für meinen Geschmack halt etwas zu aufgedonnert, aber ansonstens wirklich empfehlenswert :)
… ach was weiß ich, es gibt so viele kleine Dinge!
Los Cartoneros – Erinnerung an die Wirtschaftskrise sind diese armen Gestalten die man jeden Abend die Mülltüten am Strassenrand durchflöhen sieht. Das ist wirklich eine traurige Sache, obwohl ich es gleichzeitig irgendwie beeindruckend finde, denn es ist eine ehrliche Arbeit! Wie der Name schon sagt: sie sammeln Karton und jeden Fitzel Papier aus dem Müll (nicht dass ihr denkt man würde hier schon im Haushalt trennen), den sie dann an Altpapierfabriken verkaufen können… diese neue Berufsgruppe hinterlässt die Straßen allerdings natürlich verdammt dreckig, jeder zweite Taxifahrer bestätigt dir dass das vor 2001 nicht so war.
Jetzt gerade gibt es allerdings außerdem politische Probleme mit den Mülldeponien – wenn sich der Bürgermeister von der Stadt Buenos Aires und der Gouverneur von der Provinz Buenos Aires (entgegengesetzte Parteien – allerdings hat der neue Gouverneur die Bundesregierung im Rücken…) nicht bald vertragen wird Buenos Aires wohl ab Anfang 2008 in seinem Müll ersticken – dann will ich vorher nicht über die paar Bananenschalen geschimpft haben, die die Cartoneros neben den Mülltüten liegen lassen!
Selbstverständnis
5 Antworten bis hierher ↓
Martin // 25 Oktober, 2007 um 5:06 |
Geliebte Rini, bin erst zum zweiten Mal auf Deinem blog (Asche auf mein Haupt) und bin gleich zu Deiner Kuriositätensammlung durchmarschiert. Wie geil! Geil geschrieben und ich will mehr davon. Schreib. Bin auf die Männer+Feuerzeuge und Respektverständnis vor Profs gespannt. Schreib. So und jetzt les ich mir die andern Seiten durch. Mehr Details, was ich so treibe, demnächst per mail. Allet Jute, Martin
Steph // 26 Oktober, 2007 um 5:25 |
Hey wo sind die zugehörigen Fotos???
Wie sehen se denn aus, die Bürgersteine und die Latinos in der Warteschlange?
Liebste Grüße, STEPHAN
Anonym // 28 November, 2007 um 1:46 |
Gekachelte Bürgersteige??!! Da musst du bitte mal ganz viele Fotos von machen, wenn die bunt sind, es gibt doch nichts tolleres als bunte Kacheln! In Portugal kacheln sie ja ihre Häuser von außen, da hab ich mich ja schon kaum eingekriegt, aber Bürgersteige! Ich bin begeistert! Ich will Fotos!!!!
Kuß!
Das kleine Mittelviech
Ratioalex // 30 Januar, 2008 um 11:31 |
hallo rini,
hier der stephanalex aus hh.
du schreibst wirklich sehr lustig und…gut.
viele grütze
Martin // 26 Februar, 2008 um 8:10 |
hei rini. bin nach, allah möge mich treffen, verflucht langer zeit wieder in deinen blog gestolpert u lese zuallererst, daß du bald wieder durch den deutschen regen latschen wirst. komme jetzt gerade leider nicht dazu, mir alles, was du seit meinem letzten besuch geschrieben hast, durchzulesen. aber sobald du in hh bist, meld dich einfach mal. wir wohnen jetzt in deiner stadt (schon seit sep 07) u da sollte es doch einzurichten sein, daß wir uns sehen,, oder wat? wahrscheinlich meldet sich melanie demnächst bei dir. erstmal sei gedrückt u noch allet jute. martin.